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Private Wealth, 05-08, S. 122 bis 125
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Sie fluten einen Raum mit wohliger Wärme, wie es sonst nur Sonnenstrahlen gelingt. Und sie sind alt, manche gar uralt, meist mit zumindest fragmentarischer Lebensgeschichte: antike Kachelöfen - Kostbarkeiten für ein ganz spezielles Ambiente.
Dunkelgrün ist er, an eine karge, unverzierte Wand gebaut, ein rustikaler Zeuge christlicher und deutscher Geschichte: der Kachelofen im Arbeitszimmer von Martin Luther auf der Wartburg in Eisenach. Dort, wo die Bibel im Jahr 1521 ihre evangelische Interpretation erfuhr, als der Reformator das griechische Original in nur elf Wochen übersetzte.
Erbärmlich kalt wird es im Winter gewesen sein, auf der thüringischen Burg. Luthers Arbeitszimmer aber müsste von einer behaglichen Wärme durchdrungen gewesen sein. „Von jener Wärme, die bis in die Seele der Menschen dringt und sie still und friedlich werden lässt", schwärmt Theo Holtebrinck, der seit 25 Jahren antike Kachelöfen überall in Europa ausfindig macht, sie nach altem Verfahren restauriert und nach ebenso alter Tradition bei seinen Kunden wieder aufbaut.
Seine Arbeit ist aufwendig, sorgt aber dafür, dass eine exklusive Kundschaft, die sehr auf das Ambiente achtet, ihr Zuhause mit einem antiken Original schmücken kann: Holtebrinck zerlegt die aufgestöberten Öfen bis auf die letzte Kachel, stapelt und nummeriert die Teile. So kann er sie später wieder in richtiger Reihenfolge aufbauen. Fehlende Kacheln brennt er nicht nach. Stattdessen ersetzt er sie mit Hilfe eines Silikonabgusses der Originale mit Alabastergips, den er entsprechend der Vorgabe einfärbt. „Das hat den Vorteil, dass sie echter aussehen als eine neue Kachel." Denn wer heute brennt, arbeitet mit sehr hohen Temperaturen von ungefähr 1350 Grad Celsius. Das beschleunigt zwar den Brennvorgang, verleiht den Kacheln aber auch ein ganz anderes Aussehen als das tagelange Brennen in den früher üblichen 900 Grad heißen Holzöfen.
Sind die notwendigen Restaurierungen erfolgt, werden die Öfen bei seinen Kunden wieder aufgebaut. Meist benötigt der studierte Archäologe eine ganze Woche, um den Grundofen zu mauern und die Kacheln nach altem Verfahren außen herum zu platzieren. Wie schon vor 300 Jahren wird der Grundofen zunächst mit dicken, Hitze speichernden Schamottesteinen gemauert. Die Kacheln werden innen mit flachen Schamottesteinen ausgefüllt, bevor sie „knirschend" aufeinandergesetzt werden und so wieder für die warme Strahlungswärme sorgen können, die die Liebhaber alter Öfen so sehr schätzen. „Als Verbindungsmasse verwenden wir ausschließlich Lehm", erläutert der Experte. Mörtel oder Feuerzement kommen nicht zum Einsatz, und auch Fugen weisen seine Antiquitäten nicht auf: „Fugen sind eine Erfindung der Neuzeit und haben in Kachelöfen nichts zu suchen - sie halten die dauernden Hitzeunterschiede nicht aus und brechen schnell."
Hat der Ofen seinen Platz gefunden, erledigt eine Restauratorin die Feinarbeit. Sie bessert kleine ausgeschlagene Ecken und Kanten aus und malt mit hitzebeständigen Naturfarben dort nach, wo es notwendig ist.
Die Kenner der Kachelöfen wissen diesen Aufwand zu schätzen. Sichert ihnen doch die traditionelle Handarbeit mit Naturmaterialien den Wert ihres edlen Stücks: „Wechselt der > Ofen den Besitzer oder der Besitzer seinen Wohnort, kann die Antiquität unbeschädigt ab- und wieder aufgebaut werden. Das ist nur mit Lehm zu schaffen", sagt Holtebrinck. Er selbst hat sein Handwerk von einem pensionierten Ofensetzer gelernt. „Ich war noch im Studium und hatte auf einem Flohmarkt in München meinen ersten Kachelofen für 300 Mark gekauft. Ich dachte damals, es könne doch kein Problem sein, jemanden zu finden, der mir beim Restaurieren hilft." Von wegen. Tatsächlich suchte er mehrere Monate. „Es gab damals kaum noch jemanden, der das alte Handwerk beherrschte. Heute erleben die Ofensetzer eine Renaissance, die den Bestand des Berufs sichert."
Der Rest der Unternehmergeschichte des Theo Holtebrinck ist schnell erzählt: Er verkaufte den Ofen problemlos für 3000 Mark an einen Juristen, erkannte das Marktpotenzial und tourte danach immer wieder durch Europa, um neue Öfen zu kaufen. Das Restaurieren überließ er jedoch bald jenen, „die es wirklich können". Und auch die Suche nach antiken Kachelöfen hat er inzwischen auf Händler übertragen, die für ihn in Schweden, Dänemark, Österreich, der Schweiz und im Baltikum nach guten Stücken Ausschau halten. Holtebrincks Kunden kommen von überall her. Darunter sind Kaufhauskönige aus Polen, ehemalige Präsidenten aus Russland, ökologisch Motivierte und Zahnärzte aus Deutschland. Sowie all jene überall auf der Welt, „die Wert auf ein ganz spezielles, wohltuendes Wohnklima legen". Meist kämen die nicht nur einmal: Ein zweiter kunstvoller Ofen finde in den großen Häusern noch immer seinen Platz und sorge oft genug dafür, dass ganze Räume umgestaltet würden, um die Kostbarkeit richtig zur Geltung kommen zu lassen.
Kaufgrund Nummer eins ist natürlich die Schönheit der Ofen, „er muss gefallen". Dabei sind Kachelöfen offenbar auch der Mode unterworfen. Während vor 20 Jahren vor allem grüne und braune Öfen aus der Jahrhundertwende gekauft wurden, sind aktuell weiße Öfen am beliebtesten: „Die sind freundlicher und passen zu jeder Einrichtungsfarbe", erläutert Holtebrinck. Obwohl die wenigsten Öfen signiert wurden, gibt es doch bestimmte Regionen, deren Öfen besonders stark gefragt sind. Dazu gehören Winterthurer Öfen aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, die heute durchaus um die 350 000 Euro kosten können. Auch Modelle von Georg Vest aus dem 17. Jahrhundert und die Steckborner Öfen aus dem 18. Jahrhundert sind teure Raritäten.
Manche Liebhaber der alten Kostbarkeiten brüsteten sich sogar mit dem Besitz eines „echten Meißner Ofens mit gekreuzten Schwertern", erzählt Holtebrinck. Da allerdings werde ein bisschcn übertrieben. Der Ofen stamme zwar aus der Stadt Meißen. Die berühmte Porzellanmanufaktur habe aber zu keiner Zeit Kachelöfen hergestellt.
Immerhin - Meißen war ebenso wie der Stadtteil Velten am Rande von Berlin zwischen 1860 und 1920 eine Hochburg des Kachelofenbaus. In beiden Städten wurden glatt weiß glasierte Kacheln mit modellierten, unglasierten Zierteilen versehen, „was einen einzigartigen Kontrast darstellt".
Von derartigen Details kann Theo Holtebrinck stundenlang erzählen. Auf einen Blick erkennt er den Ursprung jedes Ofens. Regionale Besonderheiten lassen keine Täuschung zu: „Nur Schweizer und Schwarzwälder Öfen sind mit Messingknöpfen versehen, die mit Drähten verbunden sind, um das Auseinanderdriften der Kacheln zu verhindern", erzählt er. Anders die aus Südtirol stammenden Nonstaler Öfen des 18. Jahrhunderts: Sie haben eine zweite Glasur, die auf erhabene Dekorteile aufgetragen wurde und beim zweiten Brennen in die erste Glasur verlief. „Das gab es in dieser Form in keiner anderen Region."
Ein antiker Kachelofen verleiht einem Haus also tatsächlich ein einzigartiges Ambiente. Und es gibt noch mehr gute Gründe, sich mit diesen antiken Kostbarkeiten zu schmücken: „Sie sind wertbeständige, fälschungssichere Kunstwerke, die in der Vergangenheit sogar eine ordentliche Wertsteigerung erzielt haben." Wertbeständig, weil die noch vorhandene Menge der bis zu 500 Jahre alten Öfen begrenzt und auch gar nicht reproduzierbar ist. Fälschungssicher, weil der Aufwand für die Herstellung mit alten Verfahren zu teuer und technisch nicht möglich ist: „Weder gibt es heute noch die alten Brennöfen noch wurde die Rezeptur für die Glasur der alten Kacheln erhalten. Ich kenne die historischen Zusammenhänge von Formen und Herstellungsverfahren der Kacheln. Mir ist noch nie eine Reproduktion angeboten worden."
Die erwähnte ordentliche Wertsteigerung lässt sich mit Zahlen belegen: Noch vor 25 Jahren kostete ein gut erhaltener Biedermeier-Ofen aus dem Jahr 1840 rund 2000 Mark. Heute wird er für 30 000 Euro gehandelt. Der Wert der Originale be-misst sich nach ihrem Alter, ihrer Geschichte und ihrem Erhaltungszustand. „Wobei ein Kriterium das andere kompensieren kann", erzählt Theo Holtebrinck. Ihm selbst wurde vor einiger Zeit ein nur noch zur Hälfte vorhandener, schwarz glasierter Kachelofen von 1634 aus einem Kloster bei Regensburg angeboten. Er kaufte das Stück, denn die Historie des Ofens war ihm wichtiger als die Vollständigkeit.
Der 60-Jährige restaurierte den Ofen ausschließlich mit den vorhandenen Originalteilen, was seine Höhe auf die Hälfte der ursprünglichen Größe reduzierte. Doch war der Kachelofen nun wieder so schön, dass er für 20 000 Euro einen Liebhaber fand, „und diesen Wert behält er aufgrund seines Alters auf jeden Fall."
Einen Kachelofen als Kapitalanlage zu verstehen, ist relativ neu - wird aber offenbar immer beliebter. „Einer meiner Kunden hat aufgehört, Ölgemälde zu sammeln, weil er sich nie sicher sein kann, keine Fälschungen zu erwerben. Dafür hat er nun gerade seinen dritten Kachelofen gekauft", schmunzelt Holtebrinck, der ebenfalls drei antike Öfen in seinem idyllisch gelegenen alten Schulhaus im oberbayerischen Mürnsee beherbergt. Besuchen ihn Kunden dort, um die provisorisch aufgebauten, bis zu 3,50 Meter hohen Öfen in Augenschein zu nehmen, muss er gar nicht mehr viel erzählen. Sie spüren sofort, was diese alten Kostbarkeiten im passenden Ambiente bewirken: Sie harmonisieren Räume, sie wärmen auf angenehme Art, und sie sind prachtvoll anzusehen.
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Produziert von Thomas Borghoff